Bemerkenswertes über die evangelische Kirche MerzigDer Baustil unserer Kirche nennt sich "Neugotisch". Er ist typisch für das 19. Jahrhundert.
Die damals mit Macht einsetzende Industrialisierung machte vielen Menschen Angst. Alles veränderte sich, Züge sausten "pfeilschnell" durchs ganze Land, Städte explodierten....
Die Sehnsucht nach dem Althergebrachten, nach der Tradition, war groß. Darum baute man gerne Kirchen, die an das Mittelalter erinnerten. Die gotischen Dome des Hochmittelalters, etwa Notre Dame in Paris oder der Dom zu Metz, waren Vorbild. In jener Zeit wurde auch der Kölner Dom zu ende gebaut, der im Mittelalter begonnen, aber dann unvollendet geblieben war.
Die Hauptaussageabsicht der Gotik ist noch heute zu spüren: die Größe des Raums, die gen Himmel strebenden Säulen, die Leichtigkeit der Steinmassen, das viele, von oben einfallende Licht der großen Fenster, sie sollen uns Menschen einen kleinen Geschmack von der himmlischen Herrlichkeit geben. Wer heute den Kölner Dom betritt, wird dies leicht nachvollziehen können. Man muss allerdings bedenken, dass die einfachen Leute im Mittelalter niedrige Hütten ohne Fenster bewohnten. Auf sie muss die Wirkung noch viel stärker gewesen sein als auf uns.
Nun muss man zugeben, dass diese Wirkung der Gotik bei unserer Kirche nicht aufkommt, dafür ist sie viel zu klein. Schon zu ihrer Einweihung wurde dies kritisch, ja auch spöttisch bemerkt. Insgesamt war auch schon damals die Nachahmung des Mittelalters umstritten. Ein Fremdenführer über die Stadt Merzig aus dem Jahre 1905 ("mildestes Klima der preußischen Monarchie") bemerkt zu unserer Kirche nur einen einzigen Satz: "Die evangelische Kirche an der Hochwaldstraße ist ein ganz moderner Bau."
In den letzten Jahrzehnten hat sich aber auch auf die Neugotik ein neuer Blick ergeben. Man sieht heute, dass sie, so wie sie ist, die Geisteshaltung ihrer Epoche spiegelt. Und darum ist sie ein kulturgeschichtlich hochinteressantes Gebäude, weil es ein typisch preußisches, typisch romantisches Bauwerk ist, wahrhaftig der Kölner Dom in ganz klein.
Aber: Sie ist kein Museum! Vielmehr wollen wir darin das lebendige Wort Gottes heute hören lassen. Minikirche, Kirche für Kinder, Familiengottesdienste, Churchnight am Reformationstag, andere Jugendgottesdienste mit Bandmusik...Sie wirken oft gerade in "gotischen" Gewölben besonders!
Diese Kirche ist unser geistliches Zuhause. Und viele staugeplagte Autofahrer an der Hochwaldstraße blicken gern auf die kleine Kirche in dem kleinen Park. Immer mehr Merziger sind sich im Klaren: Das ist ein architektonisches Kleinod unserer Stadt!
Das Kircheninnere ist eine einfache Hallenkirche.
Die Schlichtheit der Ausstattung ist eine bewusste theologische Entscheidung:

Im September 2010 wurde ein neuer und zugleich alter Boden fertiggestellt.
Als eine neue Fußbodenheizung gebaut werden musste, stellte sich die Frage nach einem neuen Bodenbelag.
Unter der Treppe zur Empore und zur Kanzel fand sich die alte, im Jahre 1865 von Villeroy und Boch hergestellte Bodenfliese. 
Diese war im Jahr 1977 von der ersten, elektrischen Bodenheizung überbaut worden.
Dieser ursprüngliche Boden fand sich dann auch bei den Bauarbeiten unter dem Estrich. Er konnte nicht wieder hergestellt werden.
Stattdessen wurden die Fliesen rekonstruiert und im Schiff in Form eines kreuzförmigen Teppichs sowie als Umrahmung des Altars neu verlegt.

Im Chorraum sind von links nach rechts Symbole für wichtige Ereignisse im Leben Jesu dargestellt.
Jeweils über dem Symbol ist das Kreuz. Die Annordnung sagt: Jesu Leben hat als Ziel die Versöhnung Gottes und der Menschen am Kreuz von Golgatha.
Die Krippe: Gott wird in Jesus Mensch. Aber nicht in goldenen Wiegen liegt er, sondern in einer Futterkrippe. Darüber das Kreuz: Jesu Weg ist der Weg Gottes in das Elend und die Not der Menschen. Er wird all unsere Not teilen, auch den Tod. Das ist seine Sendung.
Der Stern: Weise Männer aus einem fernen Land deuten eine Himmelserscheinung als Gute Nachricht für sich selbst.
Sie brechen auf, reisen tausende Kilometer um den König der Juden zu sehen, von dem sie glauben, dass er auch ihr Leben verändern wird.
Er wird für sie am Kreuz von Golgatha sterben.
Brot und Kelch: Im Abendmahl hat Jesus seinen Freunden ein Zeichen seiner Anwesenheit gegeben. In Brot und Wein erfahren alle künftigen Generationen Versöhnung mit Gott.
Die Versöhnung, die Jesus am Kreuz erwirkt hat.
Das Kreuz: Rechts und links flankiert von den Kreuzen der beiden Verbrecher, die mit Jesus hingerichtet wurden.
Auch ihnen gilt die Botschaft von der Versöhnung.
Das offene Grab: Jesus ist auferstanden, er liegt nicht mehr im Grab.
Erst darin wird der grausame Tod Jesu für uns zur Rettung: Gott erweckt den zu Tode Gefolterten auf und gibt ihm recht. Hoffnung für alle, die Unrecht leiden: Gott steht auf eurer Seite.
Himmelfahrt: Das Kreuz erhebt sich von der Erde und schwebt in den Wolken. Die Erfahrung des Leidens und Sterbens geht in den Himmel ein. Gott selbst war es, der für uns und an uns litt.
Diese Erfahrung stitzt nun zur rechten Gottes. Und deshalb wird er kommen, um das Elend und die Not zu beenden.
Der AltarDer Altarschmuck, ein Kruzifix und zwei Leuchter, sind ein Geschenk der Königin Augusta von Preußen zur Einweihung.
Die Bibel liegt in jeder Hinsicht in der Mitte. Sie ist nicht nur Schmuck, sondern wird im Gottesdienst benutzt. Bibeln sind zum Lesen da!
Der Altarraum ist bestimmt von einem Mosaik mit den Namen der im 2. Weltkrieg getöteten Soldaten. Da die französische Verwaltung nach dem 2. Weltkrieg in der Öffentlichkeit keine Gedenktafeln für die gefallenen deutschen Soldaten duldete, wurden allerorten solche Tafeln in den Kirchen angebracht. In den meisten Kirchen des Saarlandes sind sie entfernt worden, als nach dem Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland zentrale Stellen zum Gedenken an die Kriegsopfer geschaffen wurden. Bei uns blieben die Tafeln bestehen. Auch die Tafel für die Gefallenen des 1. Weltkrieges blieb bis heute neben dem Altaraum rechts erhalten.
Wir wissen, dass Deutschland diese Kriege angefangen hat. Die Männer waren insofern keineswegs einfach "Opfer". Dennoch: Sie waren z.T. keine 20 Jahre alt. Ihr Leben wurde ausgelöscht und sie oder zumindest ihre Kinder und Enkel sollten unter uns sein. Das ist Krieg! Wir wollen es nicht vergessen. Aber: Darf der Tod, darf der Wahnsinn des Krieges den Altarraum einer christlichen Kirche derart beherrschen? Oder sollte dort nicht verkündet werden: Trotzdem! Das Leben siegt! Und nun schauen wir die Entwicklung seit dem zweiten Weltkrieg an! Für fast 70 Jahre Frieden haben wir zu danken! Gerade in unserer Gegend, die über Jahrhunderte Frontgebiet zwischen den "Erbfeinden" Deutschland und Frankreich war, muss eine christliche Kirche doch künden von dem Wunder des Friedens!
Im Moment wird deshalb darüber nachgedacht, wie die Namen dieser Männer und ihr Schicksal in Erinnerung bleiben können, und dennoch Motive der Hoffnung und des Friedens in den Vordergrund gesetzt werden können.
Interessante Ideen dazu werden demnächst vorgestellt.
KanzelfigurenHeiligenfiguren in einer evangelischen Kirche? Keine Angst! Es handelt sich um die Evangelisten, die, jeder aus seiner besonderen Sicht, die Worte und Werke Jesu niedergeschrieben haben. Und so stehen die 4 Statuen stellvertretend für ihre Bücher, die sie ja auch in der Hand haben. Sie stehen um den Prediger herum und mahnen ihn, seine Aufgabe wahrzunehmen: Das Evangelium in unsere heutige Zeit hinein auszulegen.
Die Gemeinde wird durch die Figuren der Evangelisten an diese Grundlage erinnert. Die Figuren mahnen, die Predigttätigkeit des Pfarrers kritisch zu begleiten. Jeder Christ ist nämlich dazu berufen, Bischof des Pfarrers zu sein.
"Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist: Jesus Christus." Dieser Spruch steht schon im Siegel der evangelischen Kirchengemeinde Merzig. Jesus Christus, wie er uns in den Evangelien überliefert ist. Keine Heiligen, keine allmächtige und unfehlbare Kirche, keine christlichen Traditionen: Allein Christus, allein die Schrift zählen bei uns.
Das bedeutet eben: evangelisch sein.
Die 4 Statuen sind begleitet von den Symbolen, die jeweils für ihre Evangelien stehen: Ein geflügelter Löwe für Lukas, ein Engel für Matthäus, ein geflügelter Stier für Lukas und ein Adler für Johannes. Diese Symbole werden ihnen seit Alters her zugeordnet.
Luther selbst hatte sich das Symbol als Siegel augesucht und es so begründet: "Das erste sollte ein Kreuz sein: schwarz im Herzen, das seine natürliche Farbe hätte damit ich mir selbs Erinnerung gäbe, dass der Glauben an den Gekreuzigten uns selig machet.
Denn der Gerechte wird seines Glaubens leben den Glauben an den Gekreuzigten. Solch ein Herz aber soll mitten in einer weißen Rose stehen, anzuzeigen, dass der Glaube Freude Trost und Friede gibt, darum soll die Rose weiß und nicht rot sein; denn weiße Farbe ist der Geister und aller Engel Farbe.
Solche Rose stehet im himmelfarbenen Felde, dass solche Freude im Geist und Glauben ein Anfang ist der himmlischen Freude zukünftig. Und in solch Feld einen güldenen Ring, dass solch Seligkeit im Himmel ewig währet und kein Ende hat und auch küstlich über alle Freude und Güter, wie das Gold das höchste edelste und köstlichste Erz ist."
Carl Friedrich Müller, Kreisbaumeister
* 14. Juni 1833 in Hersfeld
Studium in Kassel bei Georg Gottlob Ungewitter
1857 ins Saarland gekommen (Mitarbeit im Eisenbahnbau)
1879 Kreisbaumeister
Verschiedene neugotische Kirchen in der ganzen Gegend, z.B.